Was versteht man unter... Fehlerlust statt Fehlerfrust

In unserer Kultur lernen wir früh, dass Fehler schlecht sind. Wir bekommen Fehler in der Schule rot angestrichen und verzagen oft, wenn wir etwas einüben wollen und sich immer wieder Fehler einschleichen. Wer legt eigentlich fest, was ein Fehler ist und was nicht? Woher lernen wir, wie Fehler zu bewerten sind? Nach Eltern, Freunden und Lehrern sind es Chefs und nicht zuletzt die eigene Erfahrung, die unsere Bewertung prägt. Zweimal das gleiche fehlerhafte Verhalten zu zeigen, wird oft sanktioniert. Wenn wir keinen Ärger haben wollen, bewegen wir uns im Denken und Handeln zwischen den Leitplanken, die wir kennen.

Grenzen überschreiten, Ungewöhnliches ausprobieren oder Neues entdecken wird im Laufe der Zeit immer weniger, weil wir möglichst wenige Fehler machen wollen. Das ist – anders formuliert – kompetentes soziales Verhalten. Bei unserer inneren Haltung zu Fehlern und unserem Umgang mit Fehlern setzt auch die Innovationsfähigkeit eines Menschen oder eines Unternehmens an.


Ist es gestattet, über den Tellerrand zu schauen?

Wenn ich mir selbst eine Aufgabe gebe oder eine Aufgabe erhalte, will ich ein Ziel erreichen. Ist mir oder meinem Auftraggeber das Ziel überhaupt bewusst und auch klar formuliert? Oft wird nur der Mangel "XYZ funktioniert nicht" und "machen Sie mal" formuliert. Beim Bearbeiten der Aufgabe entwickelt sich dann oft erst das Zielbild und das Bild, wie dieses Ziel erreicht werden soll, im Kopf dessen, der die Aufgabe bearbeitet. So entsteht häufig die Bewertung "So habe ich mir das aber nicht gedacht!" durch den, der den Mangel formuliert hat.


Wie bewerten wir einen Fehler?

Das Wort “Fehler” ist einer der stärksten Energieräuberworte überhaupt. Sobald in einem Gespräch das Wort “Fehler” fällt, gehen die Mitarbeiter, die das Wort hören, in Deckung oder an die Decke. Achten Sie einmal drauf, wie häufig “Fehler” als Wort in Gesprächen verwendet wird. Ich mache mir bewusst, dass ich das Wort “Fehler” höre oder verwende. Das ist nicht selbstverständlich und es dauert einige Zeit, bis man die Beobachtung geschult hat. Dann überlege ich mir, ob in der betreffenden Situation “Fehler” für “Schlamperei”, “Prioritätsrang” oder “Lernchance” steht. Je nachdem, was gemeint ist, sollten unterschiedliche Reaktionen zum Beispiel durch den Chef erfolgen: Je nach Bewertung erfolgt dann eine Weiterbildung, eine Klärung oder ein Mitarbeitergespräch (s. Bild). Jeder Gesprächspartner hat bei Verwendung des Wortes "Fehler" einen Anspruch auf Klarheit.


Wie motiviert sind wir nach einem Fehler für einen weiteren Versuch?

Wenn ein Kind das Laufenlernen nach 10 Fehlversuchen aufgeben würde, würden sich wohl die meisten von uns auf allen Vieren fortbewegen. Eltern sind immer wieder überrascht, wie intensiv mit mehr oder weniger Geduld Kinder etwas einüben. Die Geschichte von Erfindungen, sportlichen Höchstleistungen und die Beherrschung eines Musikinstrumentes ist voll von unendlich vielen Fehlversuchen und der Sturheit des Forschers, Sportlers oder Musikers. Diese Menschen haben sich den kindlichen (nicht kindischen!) Ehrgeiz erhalten. Wie sagte Edison: Eine Erfindung ist 99 Prozent Transpiration und nur 1 Prozent Inspiration. Ich sollte die Erlaubnis haben (von mir selbst oder meinen Vorgesetzten), auch mal einfach etwas auszuprobieren.


Sind wir bereit, andere um ihr Feedback zu bitten?

Eine der wichtigsten Werkzeuge im Projektmanagement ist das "Lessons learned". Hier geht es darum, in der Abschlussphase eines Projektes zusammenzutragen, was gut geklappt hat und was für das nächste Projekt gelernt wurde. Auch bei selbst- oder fremdgestellten Aufgaben sollten wir uns selbst oder den Auftraggeber um Feedback bitten. Eine gute Feedbackkultur ist das preiswerteste Qualitätssicherungswerkzeug, das es gibt.

Die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens und eine wertschätzende Fehlerkultur der Führungskräfte korrelieren direkt miteinander.

 


Autorin: Dr.-Ing. Meike Wiarda