Financial Modelling - Definition und Praxis der Finanzplanung

Herr Dr. Korten: Seit über 20 Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Thema Modelling. Erst wissenschaftlich, dann als Berater in zahlreichen Projekten. Was ist für Sie Modelling?

KORTEN: Egal, ob aus akademischer oder praktischer Perspektive – Modelling, neudeutsch für Modellieren, dient dazu Zusammenhänge zu erkennen, abzubilden und analysierbar zu machen. Betriebswirtschaftliche Modelle werden in der Regel zur Entscheidungsunterstützung erstellt. Die besondere Herausforderung ist, die für die jeweilige Entscheidungssituation wesentlichen Zusammenhänge zu identifizieren.

Ziele der Modellierung

Was ist das Besondere an dieser Art von Modellen?

KORTEN: In der Systemtheorie gibt es ein schönes Beispiel zur Erklärung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Angenommen, sie kommen in ein kaltes Zimmer: Da Sie frieren, drehen Sie die Heizung auf die höchstmögliche Stufe. Das Zimmer wärmt sich zunehmend auf – so lange, bis Ihnen zu warm wird. Sie drehen die Heizung etwas zurück, vielleicht öffnen Sie auch kurz das Fenster. Wenn es zu sehr abkühlt, schließen Sie das Fenster wieder und drehen die Heizung etwas höher. Das ganze wiederholt sich, bis der Raum die gewünschte Temperatur erreicht hat.

Wie hängt das mit Unternehmens- und Finanzplanungsrechnungen zusammen?

KORTEN: Nun, wenn Sie eine integrierte Planungsrechnung für ein Unternehmen erstellen, müssen Sie sich auch mit den Ursache-Wirkungs-Beziehungen von Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz und Kapitalflussrechnung beschäftigen. Der Zusammenhang von Umsatzerlösen, Zahlungszielen für die daraus resultierenden Forderungen und den daraus entstehenden Kapitalzuflüssen ist ja bekannt. Doch wie detailliert sollen die Umsatzerlöse geplant werden? Sind Aggregationen möglich bzw. sinnvoll?  Auf welcher Basis erfolgt die Festlegung der erforderlichen Planungsannahmen? Wann bekommt das Unternehmen sein Geld für die gelieferten Produkte bzw. erbrachten Dienstleistungen? Muss das Unternehmen in der Zwischenzeit selbst erhaltene Rechnungen begleichen? Woher stammen die finanziellen Mittel dazu? Muss das Unternehmen einen Kredit aufnehmen? Wann kann das Unternehmen diesen Kredit zurückführen? Und so weiter und so weiter…


How-to und Tools für das Financial Modelling

Wie wird so eine Planungsrechnung erstellt?

KORTEN: Hierzu gibt es eine Reihe von allgemeinen bzw. branchenspezifischen Softwarelösungen. Sie geben ein Grundgerüst vor, dass dann an die jeweiligen Unternehmensverhältnisse angepasst wird. Eine andere Möglichkeit ist die Verwendung eines Tabellenkalkulationsprogrammes wie beispielsweise Microsoft Excel.

Was spricht für das eine, was für das andere?

KORTEN: Es ist wohl eine Frage der Anforderungen, die in der jeweiligen Entscheidungssituation gestellt werden. Sicherlich fließen Aspekte wie Anschaffungs- und Folgekosten für die Software, Häufigkeit und Zeitbedarf bzw. verfügbare Zeit für die Erstellung bzw. Aktualisierung der Planung, Anpassungsfähigkeit der Planungsrechnung und Personalverfügbarkeit in den Vergleich mit ein.

Gibt es bestimmte Entscheidungssituationen, in denen Sie einem Tabellenkalkulationsprogramm den Vorzug geben gegenüber einer standardisierten Softwarelösung?

KORTEN: Gerade dann, wenn nur wenig Zeit für die Erstellung einer Planungsrechnung zur Verfügung steht, ist der Einsatz von Tabellenkalkulationsprogrammen naheliegend. Dies ist beispielsweise beim Unternehmenskauf oder -verkauf bzw. Gesellschafterwechseln, bei Sanierungskonzepten und Unternehmensbewertungen der Fall. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass Tabellenkalkulationsprogramme in hohem Maße auch im Rahmen der regelmäßigen Unternehmensplanung intensiv eingesetzt werden.


Tabellenkalkulations-Tools beim Financial Modelling zielgerichtet einsetzen

Also sollte sowohl in M&A- als auch in Controllingabteilungen Wert auf umfassende Kenntnisse über Tabellenkalkulationsprogramme gelegt werden?

KORTEN: Zumindest mit den grundlegenden  Anwendungsfragen von Tabellenkalkulations-programmen sind die Mitarbeiter in den M&A- und Controllingabteilungen zumeist vertraut. Doch vertieftes Fachwissen über die Erstellung von integrierten Planungsrechnungen mit Tabellenkalkulationsprogrammen ist gerade in mittelständischen Unternehmen häufig nur bei ein, zwei Mitarbeitern vorhanden. Verlassen diese das Unternehmen, dann geht mitunter Schlüsselkompetenz verloren.

Um Wissensabfluss aus dem Unternehmen zu vermeiden, sollten mehrere Mitarbeiter über die Fachkompetenz verfügen, Planungsmodelle eigenständig zu erstellen bzw. sich in die vorhandene Modelllandschaft einzuarbeiten.


Fachkompetenz aufbauen für praxisgerechte Finanzplanung

Hierzu bietet sich die Lektüre von einem oder mehreren Büchern und Ratgebern zu dem Thema an…

KORTEN: Das ist ein möglicher Teil der Lösung. Ein weiterer Schritt zur Lösung ist das Erlernen einer praktikablen Planungsmethodik sowie die Gewinnung von Erfahrung durch Anwendung.

Was können die Teilnehmer in ihrem Seminar lernen?

KORTEN: In dem zweitägigen Seminar entwickeln die Teilnehmer ein gemeinsames Grundverständnis für eine systematische Herangehensweise an die Erstellung einer integrierten Planungsrechnung. Anhand von Fallbeispielen und Übungen wird eine praktikable Methodik vermittelt, die elementar für die Erstellung integrierter Planungsmodelle ist.

Herr Dr. Korten, wir danken Ihnen für das Interview.

 


 

Interview mit Herrn Dr. Achim Korten