Was versteht man unter ... Interkultureller Handlungskompetenz?

Die eigene Kultur ist die Brille, durch die der Mensch das Geschehen um sich herum interpretiert. Interkulturelle Missverständnisse und Irritationen entstehen deshalb häufig in den nicht sichtbaren Bereichen einer Kultur. Dazu zählen etwa Werte (Grundannahmen, Weltsichten), Kommunikation (Redestile, Zuhörgewohnheiten) sowie die Vorstellungen von Zeit (Zeitabläufen, Planungen, Termineinhaltungen) und Raum (Körpersprache, Verhältnis öffentlich/privat). Für eine erfolgreiche interkulturelle Zusammenarbeit ist es wichtig, Unterschiede in diesen Bereichen zu kennen. Es reicht gerade nicht aus, nur sichtbare Besonderheiten wie Höflichkeitsregeln, Kleidungsregeln und Essgewohnheiten zu beachten. 

Da die kulturelle Prägung meist unbewusst wirkt, haben Forscher verschiedene Modelle entwickelt, um sich die Prägungen der eigenen und der fremden Kultur gezielt bewusst machen zu können. Damit werden sowohl die Differenzen als auch die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Kulturen transparenter. Ziel ist es, auf der Basis dieses Wissens Lösungen für einen konstruktiven Umgang mit kulturellen Unterschieden zu finden.

 

Das Kulturtypenmodell nach Richard D. Lewis

Fachbeitrag_Kulturtypenmodell_Lewis

Quelle: www.crossculture.com

Ein Beispiel ist das Kulturtypenmodell von Richard D. Lewis. Es hilft bei einer groben Orientierung, wenn man mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenarbeiten will, etwa im Vertrieb oder global verteilten Entwicklungsteams. Lewis beschreibt drei Kulturtypen: linear-aktiv (fakten- und aufgabenorientiert, strukturierte Arbeitsweise, direkte Äußerungen), multiaktiv (dialog- und beziehungsorientiert, flexibel) und reaktiv (respektvoll und zuhörend, sach- und beziehungsorientiert, offene Konfrontationen vermeidend).

Diesen Kulturtypen ordnet Lewis nun in einer Pyramide viele Länder entsprechend ihrer Ausprägung zu. Außerdem erklärt sein Modell einleuchtend, dass jeder Vertreter eines Kulturtyps aufgrund seiner individuellen Persönlichkeit mehr oder weniger ausgeprägt auch Anteile der anderen Kulturtypen in sich vereint. Diese können bei Auftreten interkultureller Missverständnisse für Verständnis und zur Bewältigung der Situation aktiviert werden.

 

Kulturdimensionen nach Trompenaars

Ein weitaus feineres Modell sind „Kulturdimensionen“, wie sie etwa Fons Trompenaars beschreibt. Er nennt sieben Beschreibungsgrößen für die Facetten einer Kultur, die hilfreich sind, andere Verhaltensweisen wertfrei und differenziert zu verstehen. Das ist die Basis, um auch bei Irritationen handlungsfähig zu bleiben und Missverständnisse auflösen zu können.

  • Die Kulturdimension „individualistisch/gruppenorientiert“ beschreibt, wie gehandelt und entscheiden wird und ist damit zum Beispiel für Führungsverhalten, Teambildung und Entscheidungswege wichtig.
  • Die Kulturdimension „direkt/indirekt“ beschreibt die Art der Kommunikation und ist deshalb für Konfliktlösung, Vertrieb und Verhandlungen wichtig.
  • Die Kulturdimension "objektiv/subjektiv" beschreibt Werte nach denen verfahren wird und spielt deshalb eine große Rolle beim Umgang mit Regeln, Beziehungsaufbau und Vertragsgestaltung.
  • Die Kulturdimension „aufgabenorientiert/beziehungsorientiert“ beschreibt die Art und Weise, Arbeit anzugehen und hat große Bedeutung beim Projektmanagement und in Verhandlungen.
  • Die Kulturdimension „monochron/polychron“ beschreibt den Umgang mit Zeitabläufen, Terminen und hat Einfluss auf Meeting- und Präsentationsgestaltung sowie auf Entscheidungswege.

 

Unterschiedliche Dimensionen der interkulturellen Kompetenzen

Nicht immer sind kulturelle Unterschiede die Ursache für aufgetretene Konflikte in multikulturellen Teams oder zwischen Geschäftspartnern. Deshalb ist es wichtig dass sowohl die Businessperspektive, zum Beispiel andere Motivationssysteme, Abläufe und Bedeutung von Loyalität, als auch die Persönlichkeit des jeweiligen Team- oder Geschäftspartners in die Interpretation ungewohnter Situationen einbezogen wird. 

 

 


 Autorin: Dipl.-Ing. Angelika Laubstein