Was versteht man unter Charismatischer Führung?

Die Arbeitswelt ist von einer zunehmenden Komplexität und – bedingt durch gesellschaftlichen, demografischen und technologischen Wandel – von ständiger Veränderung geprägt. Führung im Wandel der Zeit ist dynamischer geworden und der Führungskraft im Unternehmen selbst kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie soll Veränderung steuern, Menschen begleiten, motivieren und entwickeln. Die Herausforderungen der Zeit als persönliche Chance zu sehen und aktiv zu gestalten, ist Aufgabe der Führungskraft. Diese baut Brücken zwischen Menschen und Organisationen.

Autorin: Dipl.-Betriebswirtin Claudia Schnetzke

Erfolgreiche Führung im Wandel

Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Frage, was Führungskräfte erfolgreich macht, spielen Macht und Hierarchie häufig eine eher untergeordnete Rolle. Die Wirkung transformationaler bzw. charismatischer Führung wird vielfach belächelt. Doch erfolgreiche Führung in der unternehmerischen Praxis ist ein gleichwertiges Zusammenspiel aus organisationaler Führung, Mitarbeiterführung und Selbstführung. Doch kann Führung gelernt werden? Diese Frage beschäftigt neben der Auswahl von (Nachwuchs-)Führungskräften vor allem auch Personalentwickler und Trainer. In spezifischen Führungskräfte-Trainings zur Rolle und Wirkung der Führungskraft in Organisationen kommt bei den Teilnehmern schnell die eigene Ausstrahlung auf den Prüfstand: Das Charisma. Doch was ist Charisma und kann fehlendes Charisma durch andere Kompetenzen kompensiert oder gar gänzlich erlernt werden?

Charisma: Die besondere Ausstrahlung

Das Wort „Charisma“ ist griechisch und bedeutet „eine von den Göttern verliehene Gabe“. Manchen Menschen ist die besondere Ausstrahlung in die Wiege gelegt, aber das heißt nicht, dass nur wenige sie besitzen. Denn Charisma ist lernbar. Was Menschen mit Charisma ausmacht, ist vor allem die Tatsache, dass sie den Gesprächspartner von sich überzeugen, ihn mitreißen können – und das scheinbar ganz ohne viel Aufhebens. Sie sprechen ruhig, dabei aber verständlich und betont, halten intensiven Blickkontakt, haben eine lebhafte Mimik und setzen ihre Gesten mit Bedacht ein. Doch das ist nicht alles.

Eigenschaften charismatischer Führung

Charismatische Menschen sind in erster Linie authentisch – oder wirken es zumindest. Dabei ist nicht nur entscheidend, wie sie etwas sagen, sondern auch was sie sagen. Menschen mit besonderer Ausstrahlung sind von dem, was sie sagen, überzeugt, haben stichhaltige Argumente und können so auch andere überzeugen. Dazu gehört ebenfalls, auf diese einzugehen und aufrichtiges Interesse an den Gesprächspartnern zu haben. Dies führt zu einem weiteren wichtigen Merkmal von Charisma: Zuhören können. Die besondere Ausstrahlung kommt vor allem auch dadurch zustande, dass diese Menschen nicht nur selbst reden, sondern auch andere reden lassen können. Aufmerksames Zuhören äußert sich darin, innerlich und gedanklich nicht abzuschweifen und das Interesse zu verlieren, sondern Blickkontakt zu halten und konzentriert zu sein. Auch Nachfragen führt dazu, dass das Gegenüber sich ernst genommen fühlt. Allein diese Präsenz sorgt dafür, dass Menschen als charismatischer wahrgenommen werden.

Selbstvertrauen - der Grundstein für Charisma

Manchen Menschen fällt es einfacher, all dies in die Tat umzusetzen. In wie fern Charisma allerdings in den Genen liegt, ist umstritten. Unzweifelbar ist, dass sich ein charismatisches Auftreten mit Übung tatsächlich aneignen lässt. Der Schlüssel hierzu sind Selbstvertrauen und Selbstachtung. Um charismatischer zu sein, sollte man sich die eigenen Stärken und Schwächen bewusst machen – privat wie beruflich – und diese annehmen. Es geht dabei nicht darum, die eigenen Fehler loszuwerden und perfekt zu sein, sondern sie zu akzeptieren. Indem man sich selbst akzeptiert, strahlt man eine innere Ruhe aus, die für andere Menschen anziehend ist. Unter Umständen geht das zwar nicht von jetzt auf gleich, aber es kann sich lohnen. Denn wenn man seiner selbst bewusst und mit sich im Reinen ist, ist man auch weniger anfällig für den Einfluss anderer (charismatischer) Menschen, was einen souveräner erscheinen lässt. Und Souveränität ist ein weiteres Merkmal charismatischer Menschen – sie lassen sich nur schwer angreifen und behalten auch in stressigen Situationen den Überblick.

Der strategische Nutzen

Was für das Zuhören gilt, gilt auch sonst im Umgang mit Gesprächspartnern – Menschen mit Charisma erhöhen sich nicht selbst auf Kosten anderer, sondern geben ihnen das Gefühl, etwas wert zu sein und etwas schaffen zu können. Das bedeutet auch, dass Charisma kein Dauerzustand ist, sondern punktuell aufflammt und gezielt eingesetzt werden kann – etwa bei der Mitarbeitermotivation. Selbstbewusst, souverän, eben charismatisch zu sein bedeutet auch, nicht jedem gefallen zu wollen, sondern die eigene Linie zu verfolgen. Wenn man damit aneckt und polarisiert – umso besser. Denn Menschen, die aalglatt sind und ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, werden andere nicht von sich überzeugen.

 


Autorin: Dipl.-Betriebswirtin Claudia Schnetzke